Horst Eckert: Der Preis des Todes


Horst Eckert: Der Preis des Todes

Nach einer etwas längeren Abstinenz, in der ich ein eigenes Projekt vorangetrieben und auch einige Lesungen veranstaltet habe, möchte ich Euch wieder einige Bücher vorstellen. Den Beginn mache ich mit der Preis des Todes von Horst Eckert. Kurz zur Handlung:
Ein Politiker, Christian Wagner, wird erhängt in seiner Wohnung aufgefunden. Seine Freundin und Moderatorin einer politischen TV-Talkshow, Sarah Wolf zweifelt an der Selbstmordtheorie. Auf ihrer Suche nach Antworten stößt sie auf einen Zusammenhang zwischen ihrem Freund, einem Krankenhausbetreiber sowie einem Flüchtlingslager in Kenia. Parallel dazu wird an einem See bei Düsseldorf die Leiche einer Menschenrechtsaktivistin gefunden. Auch sie stand kurz vor ihrem Tod mit Christian Wagner in Kontakt, was kein Zufall mehr sein kann.
Bereits vor längerem hatte ich über ein anderes Buch berichtet: Skrupellos ausgeweidet von Nicole Le, das ein äußerst erschreckendes Thema aufgegriffen hatte: Illegalen Organhandel. Einer meiner Kritikpunkte war damals, dass die Autorin in der Handlung vieles dem Zufall überließ und aus dem Thema deutlich mehr hätte gemacht werden können.
Horst Eckert hat genau das gemacht: Seine Figuren agieren logisch, die einzelnen Handlungsketten greifen wunderbar ineinander und er erzählt mit einer Sprache, die den Leser fesselt. Dazu bettet er das Thema Organhandel in ein politisches Umfeld ein und zeigt, welche Auswirkungen Handlungen im fernen Afrika in unsere westlichen Welt haben können.
Wer glaubt, Organhandel gebe es nicht und Eckart habe übertrieben, der muss nur einmal in einer Suchmaschine seiner Wahl die entsprechenden Suchbegriffe eingeben und wird überrascht sein, wie viele aktuelle Treffer es dazu gibt.
Mich hat Eckert sehr überzeugt und ich werde mit Sicherheit noch weitere Polit-Thriller von ihm lesen.

Michael Kibler: Treueschwur


Michael Kibler: Treueschwur

Bei Renovierungsarbeiten in einem Kongresszentrum wird ein Schädel gefunden, der nachweislich sehr alt ist. Wenig später tauchen in einem Wald Skelettreste auf. Dieses Mordopfer wiederum kann erst vor kurzer Zeit getötet worden sein. Obwohl mehrere hundert Jahre dazwischen liegen, stehen Schädel und Mordopfer in mehr als einem sachlichen Zusammenhang und der Schädel hilft den Ermittlern dabei den Fall zu lösen.

Der wissenschaftliche Aspekt in diesem durchaus gelungenen Krimi beruht auf der genetischen Genealogie. Bei ihr werden mittels DNA-Analysen der Verwandtschaftsgrad zweier Individuen nachgewiesen. Diese Methoden können aber auch genutzt werden, um Abstammungsverhältnisse abzuschätzen also eine genetische Verwandtschaft über mehrer Generationen hinweg zu beweisen. Das funktioniert sogar über einen ungewöhnlich langen Zeitraum hinweg, solange man sich in einer rein mütterlichen oder rein väterlichen Linie bewegt. Dann könnte sogar noch ein Vorfahre, der im Mittelalter lebte, identifiziert werden.

Die Grundlagen der genetischen Genealogie hat Michael Kibler sehr gut recherchiert und, was mir sehr gut gefallen hat, äußerst verständlich beschrieben.

Treueschwur (veröffentlicht im Piper-Verlag) ist sicherlich kein Krimi, den man so nebenher in der S-Bahn liest. Dafür sind zu viele Personen involviert und man könnte leicht den Überblick verlieren. Auch fand ich Kibler an manchen Stellen etwas zu sehr detailverliebt, was sich zum Beispiel in Beschreibungen verschiedener Automarken spiegelt und gelegentlich zu der ein oder anderen Länge führt. Aber die unterschiedlichen Handlungsstränge wiederum sind sehr geschickt miteinander verwoben und werden auch am Ende gut aufgelöst. Insgesamt wirkt alles sehr schlüssig und ist durchaus eine Empfehlung wert.

Remy Eyssen: Gefährlicher Lavendel


Remy Eyssen: Gefährlicher Lavendel

Selten lese ich ein Buch in einem Stück, weil mich die Handlung oder die Charaktere so fesseln. Remis Eyssen hat das mit seinem Kriminalroman »Gefährlicher Lavendel« geschafft.
Hauptfigur ist der deutsche Gerichtsmediziner Leon Ritter. Nach einem schweren Schicksalsschlag hat er in Südfrankreich eine neue Heimat gefunden und lebt dort mit der Kriminalpolizistin Isabelle und deren Tochter zusammen. Nach und nach verschwinden drei Männer, sie werden gefoltert und nach ihrem Tod auf makabre Art und Weise zur Schau gestellt. Ritter fallen bei der jeweiligen Obduktion Gemeinsamkeiten bezüglich der zugefügten Wunden auf und beginnt selbst zu ermitteln. Geschickt legt Eyssen falsche Fährten, um diese am Ende glaubwürdig zu entwirren. Nur das Ende wirkt auf mich etwas hollywoodlastig und übertrieben.
Natürlich interessieren mich die medizinische Aspekte besonders, die Eyssen sehr gut recherchiert hat. Ritter zieht aus seinen Beobachtungen bei der Leichenschau, den beigefügten Wunden und Laborwerten die richtigen Schlüsse. Auch seine Beschreibungen bezüglich Blutspuren und Insektenbefall von Leichen sind nachvollziehbar, logisch und vor allem für Laien verständlich beschrieben.
Nur einen Punkt gibt es, der leider immer wieder auftaucht:
Im Fernsehen ruft jemand »Herzstillstand«. Das Notfallteam kommt gerannt, jemand legt dem Patienten, dessen EKG eine Nulllinie zeigt, Elektroden auf die Brust, der Körper bäumt sich auf und – welch Wunder – der Patient überlebt. Dramaturgisch sehr wirkungsvoll, aber leider nicht ganz realistisch:
Bei einem Herzstillstand (Nulllinie oder auch Asystolie) geht von dem Herzen keine elektrische Aktivität mehr aus. Die wird aber benötigt, wenn sich die Herzmuskelzellen zusammenziehen und das Herz schlagen soll. Ein Defibrillator wird nur angewendet, wenn das Herz in einem „schockbaren Rhythmus“ ist, das bedeutet, dass ein Herzkammerflimmern oder eine pulslose Kammertachykardie vorliegt. Das Herz schlägt dann so schnell, dass es sich nicht mehr mit Blut füllen kann, weil dafür die Zeit zwischen zwei Schlägen nicht ausreicht. Mit einen kurzen Stromstoß bringt man das Herz kurz zum stehen und hofft, dass es danach wieder in seinem normalen Rhythmus beginnt zu schlagen.
Wenn das Herz aber keine Aktivität mehr aufzeigt, das EKG also nur noch eine horizontale Linie zeigt, dann macht ein Defibrillator keinen Sinn.
Trotzdem: Gefährlicher Lavendel ist ein äußerst spannendes Buch. Dazu pflegt Eyssen einen sehr schönen Sprachstil und die von ihm eingeführten Charaktere sind mehr als sympathisch. Gerne würde ich mit Leon Ritter einmal über den Insektenbefall von Leichen sprechen.
Deshalb bekommt das Buch von mir eine absolute Leseempfehlung!

Klaus-Peter Wolf: Totenstille im Watt


Klaus-Peter Wolf: Totenstille im Watt

Ärzte gehören traditionell zu den prestigeträchtigsten Berufen. Das ist nicht verwunderlich. Das lange Studium, der oftmals vorhanden Doktortitel und vor allem die Approbation schaffen Vertrauen.
Die Approbation ist die staatliche Genehmigung, überhaupt als Arzt arbeiten zu dürfen. Die Voraussetzungen hierfür sind ein abgeschlossenes Studium, gesundheitliche Eignung, ausreichend Deutschkenntnisse und letztlich darf der Arzt sich keines Verhaltens schuldig gemacht haben, dass ihn unwürdig oder unzuverlässig erscheinen lässt.
Also kann man in Deutschland allen Ärzten bedingungslos vertrauen und Betrüger haben keine Chance, weil der Staat ja darüber wacht. Könnte man meinen. Aber leider ist das nicht immer so.
2015 verurteile das Amtsgericht Konstanz eine Krankenschwester, die als Ärztin gearbeitet hatte – wegen Urkundenbetrugs. Ebenfalls eine gefälschte Approbationsurkunde ermöglichte es einem Mann 2009, monatelang als Anästhesist und Notarzt in einer Münchner Klinik zu arbeiten. Außerdem gibt es noch viele Fälle, in denen Ärzten die Approbation aberkannt wurde zum Beispiel wegen nicht ethischem Verhaltens oder Drogenproblemen.
Kriminelle Energie gehörte zu jedem dieser Fälle dazu, aber wohl keiner war so kriminell wie die Hauptfigur in Klaus-Peter Wolfs Krimi »Totenstille im Watt«: Doktor Bernhardt Sommerfeld.
Sommerfeld ist ein gescheiterter Unternehmer, der nach Ostfriesland flieht und dort betrügerischerweise als Arzt arbeitet (was mittels Urkundenfälschung ja nicht unmöglich ist), der immer ein offenes Ohr hat. Dabei bleibt es aber nicht. Er mutiert wegen Kleinigkeiten zum Serienmörder.
Und genau das machte mir beim Lesen Schwierigkeiten. Die Identifikation und die Glaubwürdigkeit mit Dr. Sommerfeld nahm mit zunehmender Lesedauer immer mehr ab. Da half es auch nicht, dass das Buch aus der Perspektive des Serienkillers geschrieben ist.
Zudem wollte bei mir einfach keine Spannung aufkommen. Es ist nun mal kein klassischer Who-done-it, bei dem der Leser zum Rätseln eingeladen wird, wer am Ende als Täter entlarvt wird.
Wer gerne darauf verzichtet und sich auf den Charakter Sommerfeld konzentriert, kann sicherlich trotzdem gut unterhalten werden.
Ich persönlich werde die Praxis von Sommerfeld nicht mehr besuchen, auch wenn ich immer wieder gerne einen von Klaus-Peter Wolfs Ostfriesenkrimis lese.

Lisa Fink: Seelen Ruhe


Lisa Fink: Seelen Ruhe

Der Nobelpreis ist ohne Frage eine der größten, vielleicht sogar die renommierteste Auszeichnung, die ein Wissenschaftler für seine Arbeit erlangen kann. Alfred Nobel legte mit seinem Testament 1896 fest, dass der Preis denen zugeteilt werden solle, die der Menschheit im jeweils vorausgegangenen Jahr den größten Nutzen geleistet hatten. Seit nunmehr 116 Jahren wird der Nobelpreis vergeben. Sicherlich haben sich die Kriterien in dieser Zeit mehrmals geändert. Trotzdem muss es sehr eigenartig anmuten, wenn man sich den Preisträger für Medizin des Jahres 1949 näher betrachtet: António, Egas Moniz, den Begründer der sogenannten Psychochirurgie.
Wie sah diese damals so neuartige Behandlungsmethode bei psychischen Erkrankungen aus? Moniz bohrte zwei Löcher in den Schädel seiner „Patienten“ und drang mit Kanülen in die Stirnlappen des Gehirns vor. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste man so gut wie nichts über die Funktion der einzelnen Gehirnareale. Aber Monis vertrat die These, dass die „Gemütskrankheiten“ dort ihren Ursprung hatten und kuriert werden könnten, wenn man die Nervenbahnen zerstört und das Gehirn danach neue, gesündere Verbindungen knüpfen kann.
Die Folgen dieser Operationen (Fieber, Lähmungen, Apathie, Persönlichkeitsänderungen, epileptische Anfälle, tödliche Hirnblutungen) wurden ignoriert oder als nur vorübergehende Symptome bewertet.
Obwohl er Beweise für seine Theorie schuldig blieb, fand er in dem Neurologen und Psychiater Walter Freeman mehr als einen Nachahmer. Freemann entwickelte die Methode weiter. Er verzichtete auf die Bohrlöcher in den seitlichen Schädel und drang mit einem Eispickel-ähnlichen Werkzeug über die Augenhöhle bis zum Gehirn vor, um dort Nervenbahnen zu durchtrennen.
Diese, Lobotomie genannte Operation, greift Lisa Fink in ihrem Thriller Seelenruhe auf. Sie beschreibt sehr detailliert die von Freeman entwickelten Geräte und auch die Art und Weise, wie sie angewendet wurden. Es sind fesselnde Beschreibungen und starke Bilder, die Lisa Fink mit ihrer Sprache im Kopf des Lesers erzeugt.
Doch warum ein Mediziner Lobotomien durchführt, obwohl diese Methode seit den siebziger Jahren und dem Aufkommen der Psychopharmaka nicht mehr praktiziert wird, möchte ich hier nicht verraten, um nicht die Spannung zu nehmen, die von Lisa Fink allmählich aufgebaut wird und, wie für einen Thriller normal, in einem furiosen Finale endet.
Die beiden Helden, Privatermittler Sander und Auftragsdiebin Lena, werden mir sicherlich noch in weiteren Büchern wieder begegnen, wobei ich den Charakter Lena interessanter weil tiefgründiger fand. Aber vielleicht hätte Lisa Fink den ein oder anderen Punkt in deren Lebenslauf noch nicht enthüllen sollen, um die Neugierde ihrer Leser zu erhalten.
Lediglich zum Ende des Buches geht mir alles ein wenig schnell. Wo kommt plötzlich die Reue des Täters her? Auf diese Frage fand ich leider keine Antwort und konnte ich auch nicht richtig nachvollziehen.
Mein Resümee: Interessante Handlung, sehr interessante Charaktere, gut recherchiert und das ganze kombiniert mit einem für meinen Geschmack sehr schönen Schreibstil.

Stephan Ludwig: Zorn – Tod und Regen


Stephan Ludwig: Zorn – Tod und Regen

Die Buchbeschreibung klang sehr sehr interessant: Warum gibt ein Killer seinem Opfer Schmerzmittel, bevor er es zu tote quält.
Meine Erwartung, einen Medizinkrimi zu lesen, hat das Buch nicht erfüllt. Aber ich wurde sehr gut unterhalten, was Hauptsächlich an den beiden Hauptfiguren liegt, die sich mit den unerklärlichen und grausamen Morden beschäftigen.
Zum einen ist dort Hauptkommissar Zorn. Er ist mürrisch und faul, angeberisch und eitel. Der Kettenraucher interessiert kümmert sich weder um Rauchverbote noch um Verkehrsregeln und schreckt auch nicht vor Beamtenbeleidigung zurück. Er ist eine sehr skurrile Figur, die trotz allem über eine eigene Art von Humor verfügt.
Sein Kollege ist ein wunderbarer Kontrast: der stets gut gelaunte, kleine, dicke Schröder. Streberhaft ist er seinem Vorgesetzten oft einen Schritt voraus und beweist schließlich sogar, neben einem guten kriminalistischen Instinkt auch wahren Heldenmut.
Die Wortgefechte dieser beiden ungleichen Partner sind wunderbar formuliert und stellen für mich einen Highlight in diesem Buch dar.
In dem Buch sind einige Gewaltszenen durchaus sehr Brutal und detailliert beschrieben. Regelmäßige Krimileser dürften sich davon aber kaum abschrecken lassen.
Schließlich stellt das Buch eine gelungene Mischung aus Spannung, unerwarteten Wendungen, glaubhaften Charakteren und einer gehörigen Portion schwarzem Humor dar.

Nun aber zu dem eigentlichen Grund, warum ich mir das Buch angesehen habe: Bei einem der Morde wurde dem Opfer vorab ein Schmerzmedikament verabreicht: Buprenorphin.
Dieses Medikament gibt es tatsächlich und wird auch, wie beschrieben, zur Behandlung von ausgeprägten Schmerzen eingesetzt. Seine Wirksamkeit ist sogar um ein vielfaches höher als von Morphium. Stephan Ludwig erwähnt ebenfalls, dass Buprenorphin als Ersatzdroge Anwendung findet. Auch das ist richtig, sofern eine Opioidabhängigkeit vorliegt.
Die letztendliche Erklärung, warum der Täter ausgerechnet dieses Medikament einem seiner Opfer vorab verabreichte macht Sinn, wenn man am Ende des Buches angelangt ist und nicht bereits vorher durch viele versteckte Anspielungen das Ende erraten hat. Ich wurde auf alles Fälle von der Wendung überrascht.

Stephan Ludwigs Zorn-Tod und Regen ist eine gelungene Mischung aus Spannung, skurrilen Charakteren und einer gehörigen Portion schwarzem Humor. Ludwig hat in den wenigen medizinischen Aspekten gut recherchiert und liefert so einen glaubwürdigen Plot mit überraschenden, unerwarteten Wendungen, die in ihrem Ablauf aber durchaus logisch sind. Alles in allem: gute Krimiunterhaltung.

Götter in Weiß: Fernsehfilm vom 15. November 2017

Die ARD hat gestern Abend mit einem weiteren Medizinkrimi wieder für einen unterhaltsamen Fernsehabend gesorgt.

Ein Mädchen infiziert sich bei einer Routineoperation mit einem gefährlichen, multirestistenen Bakterium. Die Krankenhausleitung ist sich der Hygieneprobleme bewusst, vertuscht diese jedoch, indem sie jedem Patienten vorsorglich Antibiotikum verabreichen lässt, ohne Wissen der Patienten und ohne Wissen der Ärzte. Eine Krankenschwester, die gegen Geldzuwendungen und aus Angst um ihre Stelle heimlich das Medikament in eine Kochsalzinfusion gibt, ist natürlich schnell gefunden. (Was kein Wunder ist, bei dem aktuellen Tarifgehalt von Pflegepersonal). Erst als das Mädchen einen allergischen Schock auf ein Antibiotikum hin erleidet, beginnt die behandelnde Ärztin nachzuforschen, denn sie hatte das Antibiotikum nicht verordnet.

Leider hat der Film einen sehr ernsten Hintergrund. Jedes Jahr erkranken in deutschen Krankenhäusern tausende Patienten an Keim-Infektionen. Viele dieser Patienten sterben. Ein besonderes Problem sind dabei die multiresistenten Keime, die gegen nahezu jedes Antibiotikum immun sind.

Ein solcher Keim ist Acinetobacter Baumannii. Es ist noch gar nicht so lange her, als sich Anfang 2015 in Kiel dreißig Menschen mit diesem Keim angesteckt hatten. Leider gab es damals auch Todesfälle.

In Götter in Weiß hat sich eben dieser Keim in der Klimaanlage von einem der beiden Operationssäle eingenistet. Um diesen trotzdem weiter betreiben zu können und somit Einnahmen zu erzielen, greift die Krankenhausleitung also zu dem Mittel einer prophylaktischen Antibiotikagabe.

Genau hier greift der Film ein weiteres, sehr brisantes Thema auf: Der Kostendruck im Gesundheitssystem. Krankenhäuser müssen kostendeckend arbeiten. Der sich daraus ergebende Sparzwang führt dazu, dass Hygienestandards nicht eingehalten werden können. Natürlich wird auch der Personalmangel angesprochen. Pflegepersonal und Ärzte sind, auch wenn der Filmtitel sie als Götter bezeichnet, auch nur Menschen, die im Stress und unter Belastung Fehler machen können und sei es nur, indem das Händedesinfektionsmittel nicht dreißig Sekunden lang eingerieben wird.

Götter in Weiß greift also aktuelle Themen auf, liefert Informationen zu diesen und unterhält auch noch.

Zudem hat sich das Filmteam in den meisten Szenen sehr gut vorbereitet und den Klinikalltag gut dargestellt. Was mir besonders gut gefiel, war die Machart des Films. Es wurde nicht alles direkt gezeigt, viele Anspielungen und Zusammenhänge fielen wahrscheinlich nur dem aufmerksamen Zuschauer auf, wie zum Beispiel das sündhaft teure Geburtstagsgeschenk einer allein erziehenden Krankenschwester für ihren Sohn. Gerade das unterstützte die realistische Darstellung, die den Filmemachern gelungen ist.

Hoffentlich muss ich in den nächsten Monaten in keinen Operationssaal.

Nicole Le: Skrupellos Ausgeweidet


Nicole Le: Skrupellos Ausgeweidet

In ihrem Thriller «Skrupellos-Ausgeweidet» greift Nicole Le ein Thema auf, dass für Menschen in Mitteleuropa nur schwer vorstellbar ist: Illegaler Organhandel.

Kurz zur Handlung: Eine Journalistin entdeckt während einem Flug über die Sinai Wüste Leichen, denen alle Organe entnommen wurden. Es stellt sich schließlich heraus, dass ein Organ-Händler-Ring dahinter steckt, der bis in die höchsten Kreise der Kairoer High-Society reicht. Plötzlich erkrankt ihre eigene Tochter schwer und benötigt ein Spenderherz.

Wie realistisch ist ein Organhandel mit solch mafiosen Strukturen?

Es ist noch kein Jahr her, dass ägyptische Behörden nach eigenen Angaben einen großen Ring von Organhändlern aufgedeckt haben. Unter den damals Verdächtigen und Festgenommen befanden sich Universitätsprofessoren, Ärzte, Pflegepersonal und eben auch Mittelsmänner, die den Handel überhaupt erst in die Wege leiteten.
Seit Anfang dieses Jahrzehnts wurden immer wieder Fälle des Organraubs im Sinai aufgedeckt.
2013 sollen Menschenrechtsaktivisten Verstorbene gefunden haben, denen innere Organe fehlten und die nach dem Organraub wieder zugenäht worden waren. Auch die CNN Dokumentation «Death in the Desert» aus dem Jahr 2011 erzählt in ungewöhnlich drastischen Bildern von diesen illegalen Machenschaften.

Was Le beschreibt ist also leider traurige Realität. Auch die von ihr beschriebene Logistik (Operationszelte, Transportboxen, Transportwege), ohne die ein solches Vorhaben gar nicht realisierbar wäre, klingt erschreckend glaubwürdig.
Bezüglich ihres Hauptstranges hat Le gute Recherchearbeit geleistet und das Thema ist wirklich gut gewählt, um einen packenden Thriller zu schreiben.

Ich hatte den Eindruck, dass die die Autorin im weiteren Handlungsverlauf vieles dem Zufall überließ: Zufällig wird die Tochter der Journalistin genau zu dem Zeitpunkt krank, als die ersten Leichen gefunden wurden. Zufällig ist der Krankheitsverlauf gerade bei ihr äußerst schnell und zufällig stimmt ihre Blutgruppe genau mit der eines übergebliebenen Spenderherzens überein.
Diese Zufälle sind sicherlich der Dramaturgie des Buches geschuldet und Schaden ihm nicht besonders, da die Geschichte dadurch deutlich an Geschwindigkeit gewinnt.

Das Buch ist in einem sehr außergewöhnlichen Stil geschrieben. Die Situationen und die Handlungsabläufe werden größtenteils erzählt. Wahrscheinlich wäre das Buch noch emotionaler geworden, hätte Le ihre Figuren mehr agieren lassen und wäre sie an einigen Stellen noch tiefer in deren Gefühle und das Geschehen eingedrungen. Aber das ist und bleibt letztlich eine Geschmacksache und sollte jeder Leser für sich selbst entscheiden.

Dennoch ist Nicole Le’s «Skrupellos-Ausgeweidet» durchaus lesenswert, weil es einen Einblick in ein sonst von uns in Europa kaum beachtetes Thema liefert. Sinai ist schließlich weit, weit weg….

Martin Kleen: Intensivstation

Martin Kleen: Intensivstation

Die meisten Kriminalromane passen sich einer klassische Gattung an, wie zum Beispiel der des Whodunit oder des Thrillers.

Martin Kleens Roman «Intensivstation» ist als bitterböse Satire erfrischend anders.

Bereits die Figuren sind wunderbar überspitzt dargestellt. Dies beginnt bei dem zynischen und egoistischen Intensivmediziner Carsten Borcherts und seinem Kollegen Peter Hayen, der wiederum den ärztliche Ethos aufrecht zu erhalten versucht. Schließlich gibt es noch die unfähigen, sich um Patienten und Diagnosen streitenden Chefärzte und ein Verwaltungsdirektor, der zur persönlichen Bereicherung weder vor Krankenkassenbetrug noch vor Mord zurückschreckt.

Der Autor Martin Kleen ist selbst Arzt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wie präzise seine Schilderung der medizinischen Abläufe ist. Niemand könnte dies wahrscheinlich besser beschreiben als ein Mediziner selbst.

Im Kontrast zu den satirischen Inhalten greift Kleen aber auch brisante Themen auf: Einflussnahme der Geschäftsführung in medizinische Abläufe, Krankenkassenbetrug durch manipulierte Abrechnungen und letztendlich Gewinnmaximierung zu Lasten der Patienten.

Leider sind auch diese Vorgänge trotz ihrer übertriebenen Darstellung durchaus denkbar. Vielleicht ist einigen noch ein Krankenkassenskandal aus dem Jahr 2016 bekannt. Krankenkassen hatten Ärzte aufgefordert Patienten kränker einzustufen, als diese tatsächlich waren. Ein profitables Geschäft für Ärzte und Krankenkassen, die mehr Geld aus dem Gesundheitsfond erhielten. Das Abrechnungssystem ist kompliziert und intransparent. Das lädt zum Betrug ein.

Es gibt lediglich einen kleinen Handlungsstrang, den ich in der beschriebenen Weise nicht nachvollziehen kann: Ein Intensivmedizinier führt im Auftrag einer Pharmafirma eine klinische Studie durch. Er meldet diese Studie weder im Klinikum an, noch gibt es eine rechtliche Bewertung. Die Untersuchungsergebnisse erfindet er. Das erscheint mit recht unwahrscheinlich. Eine Pharmafirma könnte mit diesen Daten ziemlich wenig anfangen. Spätestens während eines Zulassungsantrages muss auch aufgezeigt werden, dass bei der Datenerhebung alle rechtlichen Vorgaben eingehalten worden sind. Deshalb wird das noch während die Studie läuft auch entsprechend kontrolliert.

Dieser Studienbetrug stellt aber nur einen kleinen Seitenstrang in Martin Kleens Buch dar und spielt keine Rolle für die weitere Handlung. Sie wird lediglich genutzt, um den Charakter dieses Arztes zu präzisieren.

Insgesamt ist Intensivstation ist ein sehr unterhaltsames Buch, gut recherchiert und praxisnah beschrieben. Deshalb von mir: klare Leseempfehlung!

Tatort vom 22.10.2017: Zurück ins Licht

Der sonntägliche Tatort gehört bei vielen zum wöchentlichen Pflichtprogramm. Auch ich schalte immer wieder gerne ein, weil sehr häufig gesellschaftlich brisante Themen angesprochen werden.
Zurück ins Licht enttäuschte mich diesbezüglich etwas, da erst im letzten Drittel eine wirklich interessante Frage aufgeworfen wurde: Verwenden manche Unternehmen der Pharmaindustrie minderwertige Zutaten, um die Herstellungskosten zu senken und dadurch ihren Gewinn zu maximieren?
Leider blieb diese Frage eine Randnotiz und wurde nicht weiter behandelt, obwohl ein solches Vorgehen durchaus denkbar ist. Es gibt dafür leider bereits  ein Beispiel, das noch gar nicht so lange zurück liegt: Eine französische Firma verkaufte weltweit Brustimplantate, in denen günstigeres Industriesilikon verarbeitete waren. Deshalb mein Realitiätscheck: (leider) Denkbar.